Aachen, 30.06.2026
Die Zukunft der deutschen Industrie entscheidet sich nicht allein an äußeren Rahmenbedingungen der globalen Märkte, sondern vor allem an der Geschwindigkeit, mit der neue Technologien in industrielle Anwendungen gelangen. Zu diesem Schluss kamen die Teilnehmenden der Aachener Manufacturing Technology Days (AMTD) am 24. und 25. Juni 2026 in Aachen.
Mit Blick auf die steigenden Energiekosten, geopolitische Spannungen, wachsende internationale Konkurrenz und anhaltenden Fachkräftemangel diskutierten Führungspersönlichkeiten aus Industrie, Forschung und Politik darüber, wie produzierende Unternehmen ihre Wettbewerbsfähigkeit am Standort Deutschland und in Europa langfristig sichern können. Mehr als 200 Teilnehmende nutzten die Veranstaltung des Manufacturing Technology Institute (MTI) der RWTH Aachen in Kooperation mit dem Fraunhofer-Institut für Produktionstechnologie IPT in Aachen, um sich über technologische Entwicklungen, industrielle Transformationsstrategien und neue Formen der Zusammenarbeit auszutauschen.
Im Mittelpunkt der zweitägigen Konferenz standen die Zukunftsbranchen Aviation, Automotive, Defense und Energy – jene Industriezweige, die für die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands und Europas in den kommenden Jahren eine besondere Bedeutung besitzen. Mit Vortragenden aus den Führungsetagen von MTU Aero Engines, Airbus Aerostructures, Mubea, BMW Group, DMG MORI AG, Rheinmetall und Everllence brachte die Veranstaltung Verantwortliche zusammen, die die Transformation ihrer Branchen derzeit aktiv gestalten.
Führende Köpfe aus Industrie und Forschung diskutieren Wege zu mehr Wettbewerbsfähigkeit
In seiner Keynote »Transformation der Fertigung – Vision 2030« ordnete Professor Thomas Bergs, Leiter des MTI der RWTH Aachen und Mitglied im Direktorium des Fraunhofer IPT, aktuelle technologische Entwicklungen gleich zu Beginn in einen größeren wirtschaftlichen Zusammenhang ein:
Angesichts globaler Veränderungen und zunehmenden Wettbewerbsdrucks komme es darauf an, neue Wachstumsmärkte konsequent zu erschließen und gleichzeitig die industrielle Leistungsfähigkeit Europas auszubauen. Besonders wichtige Zukunftsmärkte seien hier die Luftfahrtindustrie, die Energiebranche, die Verteidigungsindustrie sowie die Halbleiterfertigung.
»Die Frage ist nicht mehr, ob sich die Produktion verändern wird. Entscheidend ist, wie schnell wir neue Technologien in industrielle Wertschöpfung überführen können. Dafür können Exzellenz, Effizienz und Effektivität – oder kurz: ›die 3E‹ – den Weg weisen, wenn wir sie in der Umsetzung schnell genug berücksichtigen«, leitete Bergs zu den Vortragenden über.
Exzellenz, Effizienz und Effektivität: Schlüssel für eine skalierbare, wettbewerbsfähige Produktion
Auch die weiteren Vorträge machten deutlich, dass Unternehmen selbst unter unterschiedlichen Marktbedingungen vor ähnlichen Herausforderungen stehen: Sie müssen ihre Produktionssysteme produktiver, flexibler und resilienter gestalten, um neue Märkte zu erschließen und auf veränderte wirtschaftliche Rahmenbedingungen zu reagieren.
»Die veränderte Sicherheitslage in Europa erfordert völlig neue Produkte – und damit einhergehend auch neue industrielle Kapazitäten. Entscheidend ist, Entwicklung und Produktion so miteinander zu verzahnen, dass Innovationen schneller in die Anwendung gelangen«, beschrieb Matthias Heil, CTO der Rheinmetall Business Unit AIR UNCREWED SPACE (AUS), die dringendsten Anforderungen der Verteidigungsindustrie.
»Wir müssen heute deutlich weiter nach vorne denken als früher. Wer die Potenziale neuer Technologien, von Automatisierung und starken Partnernetzwerken konsequent nutzt, schafft die Voraussetzungen für eine leistungsfähige und wettbewerbsfähige Produktion«, bekräftigte Dr. Silke Maurer, COO bei MTU Aero Engines, aus dem Blickwinkel der Luftfahrtbranche und ihrer Zulieferer.
Trotz unterschiedlicher Perspektiven zog sich eine gemeinsame Erkenntnis durch alle Vorträge und die anschließende Podiumsdiskussion: Wettbewerbsfähigkeit entsteht künftig nicht allein durch innovative Produkte, sondern durch die Fähigkeit, diese effizient und skalierbar zu produzieren.
»Transformation in einem Unternehmen bedeutet, Veränderungen im Umfeld als Chance zu nutzen und dabei operative Stabilität, technologische Weiterentwicklung sowie langfristige Zukunftsfähigkeit zugleich im Blick zu behalten. Dafür braucht es Innovationen, aber auch Rahmenbedingungen, die deren Umsetzung nicht ausbremsen, sondern beschleunigen«, resümierte Martin Oetjen, COO bei Everllence, und brachte damit auf den Punkt, welche Position Fertigungstechnologien zukünftig in der Industrie einnehmen sollten.
Technologie-Show macht industrielle Lösungen erlebbar
Anders als klassische Konferenzen setzten die Veranstalter bei den Aachener Manufacturing Technology Days nicht allein auf Vorträge und Diskussionen. In einer Technologie-Show führten das MTI und der Bereich Prozesstechnologie am Fraunhofer IPT die Teilnehmenden durch sechs reale Produktionsszenarien: In ihren Maschinenhallen stellten sie aktuelle Herausforderungen der Luftfahrt-, Automobil- und Verteidigungsindustrie sowie der Energiebranche vor und zeigten konkrete Lösungsansätze entlang realer Produkte und Prozessketten. Die Teilnehmenden erlebten live, wie Digitalisierung, Automatisierung, Prozessüberwachung, Rückverfolgbarkeit und Künstliche Intelligenz schon heute industrielle Anwendungen technologisch unterstützen und prägen können.
Der Fokus der sechs Produktionsszenarien lag dabei bewusst auf dem praktischen Nutzen: Welche Technologien schaffen messbaren Mehrwert? Wie lassen sich Produktionsprozesse schneller anpassen? Und wie können Unternehmen Innovationen schneller in die industrielle Umsetzung bringen?
Die Technologie-Show machte an realen Beispielen sichtbar, was sich als Botschaft wie ein roter Faden durch die gesamte Veranstaltung zog: Die Transformation der Produktion entstehe aus dem Zusammenspiel von Technologie, Daten, Automatisierung und Digitalisierung, und daraus wiederum die Fähigkeit, Innovationen schnell zu industrialisieren – künftig ein entscheidender Wettbewerbsfaktor für Unternehmen und ganze Volkswirtschaften.
Innovationen in der Fertigungstechnik als Voraussetzung für erfolgreiche Transformation
Ein weiteres zentrales Thema der Veranstaltung war die Frage, wie die Transformation unter aktuellen politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen bestmöglich gelingen kann. Viele der diskutierten Herausforderungen – von der Digitalisierung über den Aufbau neuer Produktionskapazitäten bis zur Nutzung Künstlicher Intelligenz – lassen sich nur im engen Zusammenspiel von Industrie, Forschung und Politik und mit gut ausgebildeten und motivierten Mitarbeitenden bewältigen. Das war auch das Ergebnis der abschließenden Podiumsdiskussion, zu der die Vortragenden noch einmal gemeinsam auf die Bühne traten.
»Die technologische Souveränität Europas wird nicht in Strategiepapieren entschieden, sie wird in den Fabrikhallen erarbeitet. NRW steht mit seiner Fertigungskompetenz in Aviation, Defense und Energie dafür, dass Europa diese Fähigkeit behält. Wir haben die Unternehmen, wir haben die Forschungseinrichtungen, und wir haben die Netzwerke, um Innovationen schnell in industrielle Wertschöpfung zu überführen. Genau das ist der Beitrag, den Nordrhein-Westfalen für die Zukunftsfähigkeit Deutschlands und Europas leistet«, erklärte Mona Neubaur, Stellvertretende Ministerpräsidentin und Wirtschaftsministerin des Landes Nordrhein-Westfalen.
Die Veranstalter ziehen eine positive Bilanz: Die Diskussionen hätten gezeigt, dass viele technologische Lösungen bereits verfügbar seien. Nun gelte es, deren Transfer in die industrielle Praxis weiter zu beschleunigen, die Zusammenarbeit entlang der gesamten Wertschöpfungskette auszubauen und so die idealen Voraussetzungen für eine zukunftsfähige Produktionswirtschaft in Deutschland zu schaffen.
»Wettbewerbsfähigkeit entsteht dort, wo Technologie, Daten und Produktion konsequent zusammengedacht werden. Agentische und physische KI können hier als Beschleuniger und Befähiger dienen, um das Potenzial des Digitalen Zwillings zu erweitern und auszuschöpfen. Mit den Aachener Manufacturing Technology Days und mit neuen Transferkonzepten wie dem Center für digital vernetzte Produktion, dem CDVP, oder dem Kompetenzzentrum DigitalerZwilling.NRW bei uns am Campus Melaten wollen wir die Transformation gemeinsam mit den Unternehmen auf jeden Fall aktiv mitgestalten«, bilanziert Professor Thomas Bergs, Leiter des MTI der RWTH Aachen und Mitglied des Direktoriums am Fraunhofer IPT.
Mit ihrem Fokus auf industrielle Umsetzung und Produktionsforschung am konkreten Produkt im engen Austausch mit Entscheidungsträgern aus den wichtigsten Zukunftsbranchen haben die Aachener Manufacturing Technology Days gezeigt, welche Rolle die Produktion für die wirtschaftliche und technologische Souveränität Deutschlands und Europas künftig spielen wird.








